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Verbreitung der SARS-CoV-2-Variante B.1.617 in Europa und Implikationen

This article was published on
May 14, 2021

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Die prekäre COVID-19-Situation in Indien sorgt weiterhin für Schlagzeilen. Dafür verantwortlich gemacht wird die Variante B.1.617 des SARS-CoV-2-Virus, mit der sich dort viele Menschen anstecken. Kürzlich wurde die Untergruppe (Unterklade) der Variante mit der Bezeichnung B.1.617.2 von einer „Variant of Interest“ (VOI) zu einer „Variant of Concern“ (VOC) hochgestuft. Was bedeutet eine zunehmende Verbreitung der neuen Variante?

Die prekäre COVID-19-Situation in Indien sorgt weiterhin für Schlagzeilen. Dafür verantwortlich gemacht wird die Variante B.1.617 des SARS-CoV-2-Virus, mit der sich dort viele Menschen anstecken. Kürzlich wurde die Untergruppe (Unterklade) der Variante mit der Bezeichnung B.1.617.2 von einer „Variant of Interest“ (VOI) zu einer „Variant of Concern“ (VOC) hochgestuft. Was bedeutet eine zunehmende Verbreitung der neuen Variante?

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Dr. Roman Wölfel

Der Mittwoch veröffentlichte neunte Bericht des Robert Koch-Instituts (RKI) zu SARS-CoV-2-Varianten zeigt aus meiner Sicht, dass wir mit den Genomsequenzierungen in Deutschland auf einem guten Weg sind. Mit fast 70.000 Untersuchungsergebnissen, die Labore aus ganz Deutschland allein in einer Woche dem RKI zur Verfügung gestellt haben, steht dort eine solide Datengrundlage zur Verfügung.

SARS-CoV-2 zeigt ein für viele Viren typisches Verhalten: Es passt sich einer neuen Wirtsumgebung, also in diesem Fall uns Menschen, fortlaufend an. Durch seine mittlerweile weltweite Verbreitung ist es für das Virus einfach, die zur Anpassung erforderlichen verschiedenen Varianten zu entwickeln. Die wissenschaftlichen Daten unter anderem aus Großbritannien, Indien und Deutschland zeigen, dass sich dabei immer die Mutationen durchsetzen können, die in der jeweiligen Bevölkerung für das Virus besonders nützlich sind.

In einer Phase, in der in einer Bevölkerung kaum Immunität vorhanden ist, sind natürlich insbesondere Mutationen, die seine Übertragbarkeit verbessern, für das Virus von Vorteil. In Deutschland hat sich auf diese Weise in den vergangenen Wochen die erstmals im Herbst 2020 beschriebene britische Variante B.1.1.7 stark ausgebreitet und bei uns praktisch die Vorherrschaft übernommen. Mit einer durch Impfungen oder überstandener Erkrankung zunehmenden Immunität in der Bevölkerung ändern sich die Herausforderung für SARS-CoV-2. In diesem Fall sind auch Mutationen, die die Immunantwort durch Antikörper oder Abwehrzellen behindern können, für das Virus zunehmend nützlich. Genau solche Veränderungen sind in den Virusvarianten aus Brasilien, Südafrika und Indien enthalten.

Durch die Impfungen konnten wir in Deutschland in den vergangenen Monaten zunächst die besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppen gut schützen. Es ist jetzt besonders wichtig, auch den Immunschutz in der gesamten übrigen Bevölkerung schnell zu verbessern. Aus den bisherigen Studien wissen wir, dass selbst wenn es eine dieser neuen Virusvarianten manchmal schafft einen bereits geimpften Menschen zu infizieren, die Erkrankung in diesen Fällen deutlich milder und eher nicht tödlich verläuft.

Auch eine dieser neuen Virusvariante kann einen bestehenden Impfschutz nicht wie einen Lichtschalter einfach ‚ausknipsen‘. Sie kann sich aber möglicherweise in einer geimpften Bevölkerung mit der Zeit besser verbreiten. In Deutschland haben wir derzeit aus meiner Sicht noch keine so große Durchimpfungsrate erreicht, dass dieser Vorteil aktuell für SARS-CoV-2 eine entscheidende Rolle spielen würde. In Ländern wie dem Vereinigten Königreich, mit einem bereits viel höherem Impfschutz in der Bevölkerung, kann das bereits anders sein. Allerdings sollte man bei der Betrachtung von Prozentanteilen in einer Statistik auch immer auf die absoluten Zahlen achten. Die absolute Zahl der Neuinfektionen im Vereinigten Königreich ist beispielsweise derzeit erfreulicherweise sehr gering, unter 25 pro 100.000. Der Anteil der indischen Virusvariante bei den Genomsequenzierung dort nimmt zwar deutlich zu, liegt aber immer noch in absoluten Zahlen deutlich hinter der Virusvariante B.1.1.7. Wir sollten diese Entwicklung aufmerksam beobachten und gleichzeitig die Impfungen in Deutschland so schnell als möglich weiter fortsetzen.

Gerade weil sich SARS-CoV-2 durch Mutationen ständig anpassen kann, war eigentlich von Anfang an klar, dass ein Impfstoff niemals einen absoluten oder dauerhaften Schutz bieten wird. Genauso wie zum Beispiel bei den Grippeviren, werden wir eine Schutzimpfung in regelmäßigen Abständen an neue Virusvarianten anpassen müssen. Mit den neuen mRNA-Impfstoffen haben wir jetzt glücklicherweise eine Technologie zur Verfügung, die eine solche Anpassung relativ rasch möglich macht. Wann genau wir die jetzigen Impfstoffe anpassen müssen und in welchen Abständen danach Auffrischungsimpfungen erforderlich werden, kann man derzeit noch nicht genau sagen. Dazu haben wir noch nicht genügend wissenschaftliche Daten und medizinische Erfahrung mit einem solchen neuen und weltweit verbreiteten Coronavirus.


Prof. Dr. Richard Neher

Es ist nach wie vor schwierig einzuschätzen, ob B.1.617.2 sich wirklich schneller verbreitet als B.1.1.7 oder nicht. Die meisten Daten, die wir haben, sind aus Großbritannien und da gab es in der ersten Aprilhälfte, als die Inzidenz in Indien extrem hoch war, viele Reiserückkehrer aus Indien. Und obwohl die Reiserückkehrer aus den Statistiken herausgerechnet sind, weiß ich nicht genau, wie mit Folgeinfektionen umgegangen wird. Dieser hohe Import-Druck erschwert die Interpretation dieser Zahlen.

Auf die Frage, inwiefern sich die Varianten B.1.617.1, B.1.617.2 und B.1.617.3 unterscheiden:
Die Varianten haben Mutationen an den Positionen 452 und 681 des Spike-Proteins gemein. Aber ansonsten sind sie ziemlich unterschiedlich. Der gemeinsame Vorfahre dieser drei Kladen zirkulierte irgendwann Mitte vergangenen Jahres und B.1.617.2 hat sich in den vergangenen Wochen vor allem im Westen von Indien stark durchgesetzt. Aber auch diese Variante ist schon älter und es gibt wiederum Untergruppen.

Die aktuellen Zahlen geben Grund dazu, das Geschehen genau zu beobachten und Versuche zu unternehmen, das Infektionsgeschehen einzudämmen. Allerdings sind die Daten zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht so belastbar, wie sie Ende Dezember und Anfang Januar für B.1.1.7 waren. Die hohen Inzidenzen in Indien und die jetzigen Indizien zur Verbreitung in Großbritannien rechtfertigen allerding die Einstufung von B.1.617.2 als ‚variant of concern‘. Allerdings wäre ich nicht überrascht, wenn sich am Ende herausstellt, dass diese Variante nicht so besorgniserregend ist, wie das manche im Moment befürchten. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass man nicht doch versuchen sollte, alles zu unternehmen, um die Ausbreitung einzudämmen.

Auf die Frage, ab wann die Virusvariante als besorgniserregend angesehen werden sollte:
Wenn sich herausstellt, dass die Variante auch bei schon Genesenen oder Geimpften zu schweren Erkrankungen führt. Oder wenn sie generell häufiger zu schweren Verläufen führt. Aber weder für das eine noch das andere gibt es bis jetzt Hinweise. Zusätzlich wäre natürlich eine massiv schnellere Ausbreitung ein Alarmsignal. Wenn sich der aktuelle Trend in Großbritannien zur Verbreitung der Variante weiter fortsetzt, dann gibt es durchaus Grund zur Sorge.

Prof. Dr. Joachim L. Schultze

Die SARS-CoV-2 Variante B.1.617, insbesondere der Subtyp B.1.617.2, ist erstmalig im Dezember 2020 in Indien aufgefallen und es muss im Augenblick davon ausgegangen werden, dass diese Variante wesentlich zum katastrophalen Infektionsgeschehen und der dadurch ausgelösten Katastrophe in Indien beiträgt.

Inzwischen ist die Variante in mindestens 40 Ländern weltweit nachgewiesen. Eine weitere weltweite Ausbreitung muss angenommen werden. Diese Variante wurde im Vereinigten Königreich am 6. Mai zur Variant of Concern (VoC) erklärt, die WHO hat dies am 11. Mai getan, die ECDC führt die Variante am 11. Mai noch als Variant of Interest (VoI), was damit begründet wird, das bisher für die EU noch nicht ausreichend Daten vorliegen würden.

B.1.617 wurde in Deutschland bereits in den vergangenen Wochen durch Virussequenzierung nachgewiesen. In den vergangenen drei Wochen kommt es zu einem starken Anstieg, der ähnlich steil wie im Vereinigten Königsreich erscheint, jedoch liegen die Zahlen noch im zweistelligen Bereich der sequenzierten Proben. Insgesamt berichtet das RKI für B.1.617 von einer Rate von zwei Prozent aller Varianten. Damit ist der Anteil von B.1.617 bereits höher als der Varianten, die zunächst in Südafrika oder Brasilien nachgewiesen worden waren. Weiterhin sind mehr als 90 Prozent aller Proben in Deutschland B.1.1.7 zuzuordnen.“

Auswertungen vom 11. Mai, die von Trevor Bedford, Associate Professor, Vaccine and Infectious Disease Division, Fred Hutch, Seattle, USA, öffentlich gemacht wurden, sprechen dafür, dass die Variante B.1.617 nicht nur in Indien stark zunimmt, sondern dass dies auch in den USA und in europäischen Ländern bereits passiert. Dabei ist der Anteil dieser Mutante an allen erfassten Varianten außerhalb Indiens im Vereinigten Königreich am höchsten – circa fünf Prozent –, gefolgt von den USA und europäischen Ländern wie den Niederlanden, Schweiz, Belgien und Deutschland. Für all diese Länder gilt, dass die prozentualen Anteile teilweise stark steigende Tendenz aufzeigen. Dies lässt darauf schließen, dass diese Variante gegenüber anderen einen Vorteil bei der Ausbreitung hat und deshalb muss angenommen werden, dass sie, ähnlich wie in Indien, andere Varianten verdrängen wird.

Erste, noch nicht durch ein Peer-Review überprüfte, wissenschaftliche Berichte deuten darauf hin, dass für die zugelassenen Impfstoffe kein Immune Escape besteht. Gleichzeitig deuten erste funktionelle Untersuchungen auf eine höhere Pathogenität der Variante B.1.617 hin. Dies bedarf weiterer funktioneller Untersuchungen und deren Validierung (Überprüfung) durch andere Laboratorien.

Bisherige noch nicht durch Peer-Review überprüfte wissenschaftliche Berichte deuten darauf hin, dass vollständig geimpfte Personen auch gegen die Variante B.1.617 einen ausreichenden Impfschutz ausbilden. Weitere Studien müssen nun folgen, um dies weiter zu verifizieren. Eine Anpassung der Impfstoffe scheint zum jetzigen Zeitpunkt nicht notwendig.

Die Impfkampagne in Deutschland sollte noch weiter beschleunigt werden; alle noch bestehenden bürokratischen Hürden sollten dazu schnellstmöglich fallen. Dies gilt insbesondere auch für die Impfung der zwölf- bis 15-Jährigen.

Man muss inzwischen davon ausgehen, dass SARS-CoV-2 endemisch wird. Das bedeutet, dass das Virus in der menschlichen Population weiterhin zirkulieren wird. Es werden deshalb immer wieder neue Varianten auftauchen. Wichtig ist daher, dass so viele Menschen wie möglich geimpft werden. Dies hat zahlreiche Auswirkungen: die Übertragungsrate kann stark gesenkt werden, Erkrankungen nach Infektion werden milder ausfallen und deshalb werden die Gesundheitssysteme weniger strapaziert werden. Nur unter diesen Voraussetzungen können die Beschränkungen zunehmend, aber langsam und vorsichtig aufgehoben werden, ohne das neue, sich schnell ausbreitende Varianten wieder die Oberhand gewinnen können.

Es gilt deshalb weiterhin allerhöchste Vorsicht. Der beste Gesundheitsschutz für die gesamte Bevölkerung ist das Erreichen einer sehr hohen Durchimpfungsrate und weiterhin die maximal mögliche Einhaltung der geltenden Hygieneregeln, insbesondere um alle nicht-geimpften Personen möglichst optimal zu schützen. Dazu ist möglichst große Solidarität der Geimpften notwendig.

Alle nicht geimpften Personen und auch Personen, die bereits im vergangenen Jahr – insbesondere während der ersten Welle – an COVID-19 erkrankt waren, sollten weiterhin sehr vorsichtig bleiben, wenn jetzt eine weitere, sich schnell ausbreitende neue ‚Variant of Concern‘ (VoC) wie B.1.617 auftritt.

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es aufgrund der noch nicht ausreichend ausgewerteten und veröffentlichten Datenlage nicht möglich, die Öffnungen im Vereinigten Königsreich ursächlich für die Verbreitung der Mutante B.1.617 verantwortlich zu machen. Aufgrund der Verteilung der Variante im Vereinigten Königreich ist B.1.617 mit großer Wahrscheinlichkeit an mehreren Stellen im Land aus Indien eingetragen worden und hat sich dann lokal in Hotspots ausgebreitet. Welche Bedingungen vor Ort zu den zunächst lokalen Ausbreitungen beigetragen haben, ist bisher noch nicht ausreichend bekannt gemacht worden. Eine abschließende Einschätzung ist deshalb noch nicht möglich.

Die Test- und Sequenzierstrategie, die zurzeit flächendeckend in Deutschland angewandt wird, ist so angelegt, dass auch die Variante B.1.617 erkannt werden kann. Betrachtet man die veröffentlichten Sequenzen auf GISAID, so ist Deutschland inzwischen hinter dem Vereinigten Königreich und den USA auf Platz drei hinsichtlich der Zahl der durchgeführten Virussequenzierungen pro Woche.

Auch wenn die molekulargenetische Surveillance erst spät in Deutschland skaliert wurde: Die derzeitigen Leistungen und die Zusammenarbeit aller Beteiligten – Wissenschaft, Robert Koch-Institut, private Labore, Ministerien und Politik – hat zu dieser guten Situation hinsichtlich des Nachweises von Virusvarianten in Deutschland geführt.

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